Du weißt schon, dass viktorianische Glanzbilder Chromolithographien und echte kleine Kunstwerke der Druckkunst sind? Du willst wissen, wie das Druckverfahren in der viktorianischen Zeit funktioniert hat? Und wie im 19. Jahrhundert bereits massenhaft Vielliebchen gedruckt und gestanzt werden konnten? Und wie es möglich war, dass die kleinen Bildchen mit einer enormen Präzision hergestellt wurden? Willst du ein Glanzbild mit Rotkäppchen Motiv sehen bei welchem der Druckprozess animiert ist? Lass dir Schritt für Schritt zeigen von Miniatures Magnifiques, wie viktorianische Glanzbilder durch ein Flachdruckverfahren auf Steinplatten gefertigt wurden.
Wie wurden die viktorianischen Glanzbilder hergestellt?
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| Lithographie Schnellpresse für Flachdruck von 1880 |
Die 10 Herstellungsschritte der viktorianischen Glanzbilder
Die viktorianischen Künstler haben die Glanzbilder Motive ganz im Geschmack ihrer Zeit entworfen. Sie hatten für ihre Entwürfe eine Vielzahl von Farben zur Auswahl - es gab eine bunte Palette an Druckfarben, um die Glanzbilder drucken lassen zu können.
Du interessierst dich für die Druckfarben für viktorianische Glanzbilder?
Die viktorianischen Künstler kannten sich auch sehr gut aus mit der Verschlüsselung von Botschaften, welche durch die Glanzbilder überbracht wurden. Die Motive und auch die Farbauswahl spielten eine große Rolle bei der Florigraphie der viktorianischen Gesellschaft.Du interessierst dich für die Floriographie der viktorianischen Glanzbilder?
Die Drucksteine waren 8 bis 10 cm dicke Solnhofener Kalksteinplatten, deren Oberflächen perfekt glatt geschliffen wurden. Der Schleifstaub wurde sorgfältig abgewaschen und die Kalksteinplatten wurden getrocknet.
Ein Lithograph übernahm die künstlerischen Entwürfe der Glanzbilder und übertrug die Motive spiegelverkehrt auf die Steinplatten. Eine Zeichnung mit fettigen Linien und Flächen wurden auf die Kalksteinplattenoberflächen gezeichnet.
Alles, was mit der zu druckenden Farbe auf dem Glanzbild zu sehen sein sollte, musste der Lithograph als Fettlinienschicht aufzeichnen. Als Zeichenmedium benutzte der Lithograph lithografische Tusche und auch lithografische Kreide. Sowohl die lithografische Tusche als auch die lithografische Kreide bestanden aus Fett, Wachs, Seife und Ruß.
Für jede Farbe, die gedruckt werden sollte, musste ein extra originaler Druckstein angefertigt werden. Pro Glanzbilder Motiv konnten zwischen 20 und 24 verschiedene originale Drucksteine mit Zeichnungen aus fettigen Linien und Flächen benötigt werden um dann alle Farben nacheinander und übereinander zu drucken.
Die originale Steinplatten, auf die die fettigen Linien und Flächen aufgetragen waren, wurden dann mit einer Mischung aus Gummi Arabicum und einer stark verdünnten Salpetersäure bestrichen. Diese Oberflächenbehandlung bewirkte ein Ätzen der Steinplatten: die gezeichnete Fettlinienschicht verband sich fest mit der Steinoberfläche und die nicht bezeichneten Flächen wurden etwas poröser und somit vorbereitet für die spätere Wasseraufnahme. Auch die im Schritt 5 beschriebenen Maschinensteine wurden dem Ätzprozess unterzogen.
Man konnte mit einer mit der Fettlinienschicht bezeichneten und danach geätzten Steinplatte mehrere Tausend Abzüge machen. Der Run auf die Glanzbilder war aber in der viktorianischen Ära riesengroß - und so wurden die originalen Drucksteine nicht zum Drucken der Glanzbilder verwendet. Sie wurden geschont und kamen nach dem Schritt 5 ins Archiv der Druckerei und stellten einen kapitalbringenden und wohlgehüteten Schatz der Druckereien dar.
Umdruckverfahren - Transferlithographie
Statt die originalen Drucksteine zum Drucken der Glanzbilder zu verwenden, wurde mittels des Umdruckverfahrens eine Kopie hergestellt:
die Glanzbildermotive wurden von der originalen Steinplatte mit einer Spezialfarbe auf ein speziell beschichtetes Papier gedruckt. Dieser Papierdruck wurde auf eine zusätzlich vorbereitete Steinplatte aufgepresst - das war der chemische Übertrag der Zeichnung. Die so bedruckte Steinplatte wurde Maschinenstein genannt.
Der Maschinenstein war meist sehr groß und konnte mehrere verschiedene Druckvorlagen für verschiedene Oblaten aufnehmen. Mit einem Maschinenstein konnten 3.000 bis 10.000 perfekte Drucke ausgeführt werden. Danach wurden die Maschinensteine geschliffen und erneut durch die Transferlithographie zum Drucken vorbereitet.
das Drucken im Chromolithographie Verfahren läuft folgendermaßen ab: jeder geätzte Maschinenstein wird mit einem Schwamm und Wasser abgewischt.
Da, wo die Fettfilmstellen sind, wird das Wasser abgestossen. Auf den porösen Stellen wird das Wasser angenommen.
Die Druckfarbe, die auf einer Fett-Ölbasis beruht, wird mit einer Walze auf den Maschinenstein aufgewalzt. Die Stellen, die das Wasser aufgesaugt haben, stoßen die fettige Druckerfarbe ab. An den Fettfilmstellen – also da, wo der Lithograph seine fettige Zeichnung angelegt hat, bleibt die fettige Druckerfarbe haften – Fett trifft auf Fett und haftet daran.
Ein Papierbogen wird auf den Maschinenstein gepresst und somit wird er mit der ersten Farbe bedruckt, dann folgt der zweite Maschinenstein mit der zweiten Farbe. Das läuft solange weiter, bis alle benötigten Farben auf den Papierbogen gedruckt wurden. Das kann dann bis zu 24 Mal sein.
Ich habe mal mit einem Bildbearbeitungstool ein Glanzbild in verschiedene Farbgruppen zerlegt - das sind jetzt nur 10 einzelne Bilder - aber man kann schon gut erkennen, wie so ein Glanzbild nach und nach mit jeder weiteren Farbe mehr Gestalt annimmt.
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| mögliche Stationen eine viktorianischen Glanzbilds beim Druckprozess |
Die Maschinensteine werden vor dem nächsten Druck wieder feucht abgewischt und der Druckvorgang konnte erneut ausgeführt werden.
Nadel-Passersystem
Beim Drucken der Papierbögen mussten die viktorianische Drucker sehr präzise arbeiten – der zu bedruckende Papierbogen durfte nicht ein einziges Mal verrutschen.
Die viktorianischen Drucker waren hervorragende Meister ihrer Kunst – und sie nutzten ein geniales mechanisches Nadel-Passersystem: auf dem allerersten originalen Druckerstein gravierten sie am Rand zwei winzige Passerkreuze ein.
Die beiden Passerkreuze wurden beim allerersten Druckgang auf jeden Papierbogen mit aufgedruckt. An der Druckpresse waren zwei feine, spitze Nadeln befestigt. Bevor der Papierbogen auf den zweiten und jeden weiteren Maschinenstein gepresst wurde, spießte der Drucker den Papierbogen mit den gedruckten Kreuzen exakt auf diese beiden Nadeln auf. Die Nadeln hielten den Papierbogen somit im exakt gleichen Winkel und Abstand auf jedem Maschinenstein - und so blieb alles an seinem Platz.
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| viktorianisches Glanzbild mit Rotkäppchen Motiv - Druckprozess animiert |
Nach dem Drucken und dem Trocknen wurde auf die Papierbögen eine Lackschicht mit breiten Pinseln oder Walzen aufgetragen. Die Lackschicht war ein Naturprodukt und bestand entweder aus einer Dextrin Stärkegummilösung, einer Gummi Arabicum Lösung oder bei den teureren Glanzbilder Exemplaren aus weißen und gebleichtem Schellack.
Was ist Schellack?
Die Schellacklösung bestand aus dem Sekret einer Lackschildlaus und Spiritus. Ungebleichter Schellack ergibt eine bernsteinfarbene Lösung. Das wäre komplett ungeeignet als Lackschicht für die Glanzbilder gewesen. In den 1820-30er Jahren wurde ein Verfahren entwickelt, um die störenden Farbstoffe aus dem Schellack durch Chlorbleiche zu entfernen. Gleichzeitig wurde ein Verfahren entwickelt, um die Harze, die eine Schellacklösung weiß trüben können, zu entfernen. Das Ergebnis war der weiße und gebleichte Schellack - ein hervorragender Lack für die viktorianischen Glanzbilder.
Beim Trocknen der aufgetragenen Lackschicht bildete sich eine transparente Schutzschicht. Danach sahen die Bögen lackiert und seidig glänzend aus – der charakteristische Lackglanz war auch mitbestimmend für die Namen Lackbildchen und Glanzbild.
Die Lackschicht sorgte nicht nur dafür, dass die Druckfarben der viktorianischen Glanzbilder noch mehr intensivere Leuchtkraft bekammen, sie schützte sie gleichzeitig vor Luftsauerstoff und auch noch vor Abrieb. Somit ist erklärbar, warum die kleinen Papierbildchen trotz ihres Alters meist in guter Kondition sind und farblich nichts von ihrer Schönheit eingebüßt haben.
Die bedruckten und lackierten Druckbögen wurden in eine spezielle Presse mit metallenen Matrizen gelegt und gepresst. Die Prägungen werden damit auch unterschiedlich tief – am besten erkennt man das, wenn man die Vielliebchen auf die Rückseite dreht und so betrachtet. Wenn du mit dem Finger darüberstreichst, kannst du die Prägung auch erspüren. Bei modernen Glanzbilder Nachdrucken fehlt häufig diese tiefe und charakteristische Prägung.
Auf die Druckbögen waren meist mehrere Glanzbilder – meist thematisch zusammenhängend als Bogenware - gedruckt. Zu Beginn der Glanzbilder Euphorie in der viktorianischen Zeit wurden die Druckbögen nicht ausgestanzt. Sie wurden im nicht ausgestanzten Zustand verkauft - und dann in Handarbeit von den Käufern oder den Beschenkten - meist Kindern - mit einer Schere ausgeschnitten.
Sobald eine maschinelle Ausstanzung möglich war, wurden die Zwischenräume zwischen den einzelnen Glanzbilder Motiven mit einer Maschine herausgestanzt – nur die Motive selbst und die wenige Millimeter breiten Verbindungsstege blieben erhalten. So konnten die Glanzbilder bogenweise verkauft werden und zum Weiterverarbeiten mussten lediglich die Stege mit einer Schere zerschnitten oder vorsichtig abgezupft werden.
Wahre Luxusemplare unter den viktorianischen Glanzbildern wurden zusätzlich noch veredelt:
Glasglimmer mit silbrigem Funkeln
- den silbrig funkelnden Glasglimmer, der auch Glasflitter oder Eisglimmer genannt wurde, kennt vermutlich jede/r, der schon mal mit Glanzbildern zu tun hatte
- die Glanzbilder werden gezielt an den gewünschten Stellen mit Leim bestrichen und der Glasglimmer wird auf den noch feuchten Leimstellen gestreut - nach dem Trocknen ist die Beglimmerung fertig
Vergoldung mit dem Bronzierverfahren
- zum Vergolden der massenhaft produzierten viktorianischen Glanzbilder wurde aus Kostengründen kein Blattgold verwendet
- die viktorianischen Drucker nutzten eine geniale und günstigere Methode zur Vergoldung der Glanzbilder: das Bronzierverfahren mit Flittergold, welches auch Rauschgold oder Muschelgold genannt wurde
- für das Bronzierverfahren bedruckten die viktorianischen Drucker im letzten Druckgang die Stellen, die später goldfarben glänzen sollten, mit einem klebrigen gelbbraunen Lack, dem Ocker-Firnis. Solange der Ockerfirnis noch feucht war, wurden die Druckbögen mit einem hauchfeinen Metallpulver eingepustet oder mit Samtkissen abgerieben
- das Metallpulver bestand aus Messing
- je nach Mischungsverhältnis der Messinglegierung konnte man den Farbton von rötlichem Kupfergold bis hin zu hellem Grüngold steuern
- nach dem Trocknen bürsteten die viktorianischen Drucker das überschüssige Pulver vorsichtig ab
- die auf dem Druckerbogen haftenden Metallpartikel wurden durch eine anschließende Relief-Prägung zusammengepresst und dadurch entstand eine spiegelglatte, täuschend echt aussehende Goldschicht
Seidenstoff Belegung
- seidenstoffbelegte Glanzbilder, die im Englischen als Dressed Scraps oder Fabric-dressed Die-Cuts bezeichnet werden, sind die absoluten Luxusglanzbilder aus der viktorianischen Zeit
Du interessierst dich für die vielen verschiedenen Namen, die viktorianische Glanzbilder haben?
- sie sind heutzutage sehr selten zu finden und dementsprechend teuer
- bei diesen ganz besonderen Glanzbildern wurden einige Partien des Papiers wie zum Beispiel die papierene Kleidung oder die Flügel der gedruckten Figuren durch echten Seidenstoff, Satin, Samt oder Spitze - textile Spitze oder auch Papierspitze - ersetzt oder überlagert
- die Herstellung war extrem aufwändig und kombinierte die meisterliche Drucktechnik mit filigraner Handarbeit - das wurde oft in Heimarbeit von Frauen und älteren Kindern ausgeführt
- zuerst wurde das Motiv ganz normal im Steindruck gedruckt
- die Bereiche, die später aus Stoff bestehen sollten wurden flächig freigelassen oder so gestanzt, dass ein Fenster oder zumindest eine Vertiefung im Papier entstand
- kleine Stücke echter, feiner Seide wurden manuell in winzige Falten gelegt, gerafft oder drapiert, um den Faltenwurf eines echten Kleidungsstückes oder eines Engelflügels dreidimensional zu imitieren
- die vorbereitete Seide wurde passgenau auf das Papier geklebt
- als Klebstoff wurde das glasklare Gummi Arabicum genutzt, damit der damals genutzte Leim nicht durch die feine Seide durchschlug und hässliche Flecken hinterließ
- die Viktorianer liebten Dreidimensionalität verbunden mit einer angenehmen Haptik - und ein flaches Glanzbild war für ganz besondere Anlässe nicht ausdrucksstark und edel genug
- Glückwunschkarten mit Dressed Scraps, die in aufwendiger Handarbeit verziert mit dem teuren Luxusgut Seidenstoff waren schon im 19. Jahrhundert deutlich teurer als normale Glanzbilder und wurden meist nur für ganz besondere Anlässe wie den Valentinstag oder für das Neujahrsfest verwendet
Du interessierst dich für viktorianische Glanzbilder?
Ich hoffe, dass ich euch mit meiner Faszination für die Technik der Chromolithographie begeistern konnte
eure Bastrota
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