Du willst wissen, was Floriographie ist? Und was das mit viktorianischen Glanzbildern zu tun hat? Du hast selbst Oblaten aus der viktorianischen Zeit - also aus der Regierungszeit von Queen Victoria und somit aus den Jahren 1837 bis 1901 - und willst die Bedeutung dieser Poesiebildchen erkunden? Dann lass dich in die Welt der geheimnisvollen Glanzbilder Blumensprache entführen und geniesse die Vorstellung der schönsten Rosenbildchen und ihrer Bedeutung aus einer Sammlung - vorgestellt von Miniatures Magnifiques. Nachdem du diesen Blogbeitrag gelesen hast, kannst du den visuellen Code aus der damaligen Zeit selbst entschlüsseln. Oder weißt du jetzt schon, warum gelbe Rosen und gestreifte Nelken bei den Menschen in der viktorianischen Gesellschaft äußerst unbeliebt waren? Und wusstest du, dass wir heutzutage eine Pflanze als unerwünschtes Beikraut im Garten bekämpfen, welche die Viktorianer - in anderer Farbe - als Symbol ewiger Liebe ansahen und in Form von Glanzbildern in ihre Alben klebten?
Die viktorianische Gesellschaft und der visuelle Code
Im viktorianischen Zeitalter war die Floriographie ein absolut faszinierendes Phänomen. Die viktorianische Gesellschaft war extremst streng und von schrecklich starren Anstandsregeln geprägt. Vor allem Gefühle wie tiefe Liebe, Verlangen, Ablehnung oder gar Eifersucht durften offen nicht ausgesprochen werden. Somit wurde die Blumensprache ein fester Bestandteil der damaligen Gesellschaft.
Die Blumenmotive auf den Glanzbildern dienten sozusagen als visueller Code, den es zu entschlüsseln galt. Es war in der viktianischen Zeit üblich, Bücher - hauptsächlich Gedichtbände, Bibeln oder Romane zu verschenken oder zu verleihen. Der Schenker oder Besitzer des Buchs legte ein sorgfältig ausgesuchtes Glanzbild hinein oder er klebte die Oblate in das Buch. Das Poesiebildchen und auch die Art, wie das Bildchen hinein gelegt oder geklebt wurde, bildeten zusammen eine verschlüsselte Nachricht, die nur die Empfängerin oder der Empfänger sehen konnte und dann auch verstanden hat.
Floriographie: bebilderte Blumensprache
In der viktorianischen Zeit war die Hochblüte der Glanzbilderproduktion und Sammel- und Tauschleidenschaft der Vielliebchen. Es gab sehr, sehr viele verschiedene Motive - und Blumen aller Art und in verschiedenen Arrangements waren ganz besonders beliebt. Aus der Oblaten Euphorie dieser Zeit entwickelte sich eine Blumensprache - die Floriographie.
Glanzbilder: die Bedeutung der Blumen A-Z
A
Apfelblüte
- wenn ein junger Mann seiner Herzensdame ein Glanzbild mit Apfelblüten schenkte oder es in ihr Album klebte, war das ein klares und sehr feinfühliges Geständnis: Du bist meine Auserwählte
- da aus der zarten Apfelblüte später eine süße Apfel-Frucht heranreift, symbolisierte die Apfelblüte auch eine Liebe, die eine gute Zukunft wie eine Ehe vor sich hat
- der Apfelbaum war eng mit Venus, der Göttin der Liebe und den nordischen Göttern der ewigen Jugend verknüpft
- die viktorianische Gesellschaft verband mit der rosafarbenen Apfelblüte daher auch immer den Wunsch nach ewiger Jugend, Frische und natürlicher Schönheit der beschenkten Person
B
Bellis (Tausendschönchen)
- Nomen est Omen: das Tausendschönchen trägt seine Bedeutung schon im deutschen Namen
- der Empfängerin oder dem Empfänger sagte man mit dem Schenken eines Glanzbilds mit dem Tausendschönchen Motiv: „Ich finde dich unendlich schön.“
- weibliche und ältere Verwandte wie Tanten und Großmütter klebten die Gänseblümchen und Tausendschönchen Glanzbilder häufig in die Alben junger Mädchen um ihnen Tugendhaftigkeit, Fröhlichkeit und eine unbeschwerte Zukunft zu wünschen
F
Flieder
lila Flieder
- der lila Flieder war die perfekte Blume für den allerersten Heiratsantrag oder das erste echte Liebesgeständnis im Leben eines jungen Paares
- der lila Flieder war auch eng mit dem viktorianischen Trauerjahr verknüpft: wenn im 19. Jahrhundert der Ehepartner starb, mussten Frauen ein sehr strenges Trauerjahr einhalten - sie durften während des Trauerjahrs ausschließlich schwarze Kleidung und schwarze Hüte tragen
- nach Ablauf des Trauerjahres begann die Phase der sogenannten Halbtrauer
- in der Halbtrauerphase durfte die Kleidungsfarbe von schwarz auf die Farben des Flieders: lila, violett und mauve wechseln
- von der Halbtrauerphase abgeleitet wurden fliederfarbene Glanzbilder im viktorianischen Zeitalter auch gerne als Trost verschenkt
weißer Flieder
- weißer Flieder stand im viktorianischen Zeitalter für die jugendliche Unschuld und für das allererste Erwachen romantischer Gefühle
- wenn man einem jungen Mädchen ein Glanzbild mit weißem Flieder Motiv schenkte, war das ein zurückhaltendes und respektvolles Kompliment
G
Gänseblümchen
- das einfache, weiße und wilde Gänseblümchen war das Symbol für das unberührte Kindesalter, kindliche Unschuld und die absolute Reinheit des Herzens
- ein verschenktes Glanzbild mit echten Gänseblümchen zeigte eine ehrliche Liebe, die keine Geheimnisse oder böse Absichten hegte
- das kennst du sicher auch aus deiner Kindheit: das Gänseblümchen war im 19. Jahrhundert die Blume, mit der junge Mädchen einfach etwas herausfinden wollten. Dabei wurde Blütenblatt um Blütenblatt abgezupft...und gesagt: er liebt mich, beim nächsten Blütenblatt wurde gesagt: er liebt mich nicht...usw. - bis zum Schluß ein einziges Blütenblatt übrig blieb - und das war dann das Orakel
K
Klatschmohn
- der wilde, leuchtend rote Klatschmohn steht auch für Fröhlichkeit und die unbeschwerte Pracht des Hochsommers
- die Viktorianer waren sehr angetan von Elfen, Feen und Naturgeistern und sie hatten die Ideen, dass jede Pflanze einen eigenen Schutzgeist besitzt
- wenn man also ein Mädchen im Mohnblumenkleid auf dem Glanzbild sieht, ist das die Mohnblumen-Fee
Kornblume
- in der viktorianischen Blumensprache stand die blaue Kornblume für Zartheit, schlichte Schönheit und vor allem für Hoffnung in der Liebe sowie Ehrlichkeit
- ein alter Glaube besagte, dass junge Männer eine Kornblume in der Tasche trugen, um zu sehen, ob ihre Liebe erwidert wird: blühte die Blume weiter, war es ein gutes Zeichen
- Glanzbilder mit Kornblumen wurden sehr gerne für Freundschaftsalben verwendet
L
Lilie
- weiße Lilien stehen für Majestät und Reinheit
- weiße Lilien wurden oft mit Engeln kombiniert und symbolisierten das Göttliche oder die unschuldige Seele
M
Margerite
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| viktorianische Glanzbilder: Mädchen mit Margeriten |
- wenn das Mädchen auf dem viktorianischen Glanzbild die Blume wie eine Krone trägt, bedeutet das in der Symbolsprache Reine Gedanken und Unschuld des Geistes
- die Margerite in der Hand zeigt das Liebes-Orakel, welches bei den Gänseblümchen beschrieben ist: in Frankreich nannte man die Margerite sogar direkt Marguerite d'amour
Maiglöckchen
- die schönen Maiglöckchen verheißen die Rückkehr des Glücks, der Demut und der Reinheit
- das Maiglöckchenmotiv wurde extrem oft auf Frühlings-Glanzbildern verwendet
Mohnblumen (Klatschmohn)
- der wilde, leuchtend rote Klatschmohn steht auch für Fröhlichkeit und die unbeschwerte Pracht des Hochsommers
- die Viktorianer waren sehr angetan von Elfen, Feen und Naturgeistern und sie hatten die Ideen, dass jede Pflanze einen eigenen Schutzgeist besitzt
- wenn man also ein Mädchen im Mohnblumenkleid auf dem Glanzbild sieht, ist das die Mohnblumen-Fee
N
Nelke
rote Nelke
- die rote Nelke zeigt die Bewunderung für die beschenkte Person und dass sich der Schenker noach der beschenkten Person sehnt
gestreifte Nelke
- die gestreifte Nelke stellt eine sehr diskrete, aber feste und unwiderrufliche Ablehnung dar
P
blaue Prunkwinde
- für die Viktorianer war die blaue Prunkwinde das Symbol für treue Ergebenheit, liebevolle Umarmung und eine Bindung, die sich nicht mehr lösen lässt
- die Farbe Blau stand im 19. Jahrhundert ausnahmslos für ewige Treue, Wahrheit und Beständigkeit
- die entschlüsselte Botschaft einer blauen Ackerwinde auf einem Glanzbild lautet demnach: Meine treue Liebe rankt sich auf ewig um dich und wird alles überdauern
rosa Prunkwinde in Kombination mit zwei Mädchenköpfen
- in der viktorianischen Ära wurde die tiefe, emotionale Freundschaft zwischen Mädchen und Frauen - den Seelenschwestern - mit aller Kunst zelebriert
- die rosa Prunkwinde steht in der viktorianischen Zeit für eine zarte, platonische Zuneigung, Jugendlichkeit und unschuldige Verbundenheit - ganz ohne jeden romantischen Hintergedanken
weiße Prunkwinde
- die weiße Ackerwinde - die wir als unerwünschtes Beikraut kennen - stand in der viktorianischen Ära für Enttäuschung oder eine flüchtige, schnell verblassende Liebe
R
rote Rose - die Königin der Blumen
- die rote Rose steht bis heute für tiefe, leidenschaftliche Liebe
rosa Rose - die Königin der Blumen
- die rosa Rose bedeutet jugendliche Schönheit, Anmut und beginnende Zärtlichkeit
weiße Rose - die Königin der Blumen
- weiße Rose steht für Unschuld, Reinheit und geheime Liebe
gelbe Rose - die Königin der Blumen
- die gelbe Rose stand im 19. Jahrhundert oft für Eifersucht, Untreue oder schwindende Liebe – und stellte ein nicht erwünschtes und meist ungeliebtes Objekt im Poesiealbum dar
gelbe Rosen in Kombination mit Gänseblümchen: dornige Eifersucht oder pure Unschuld?
- in der Blumensprache hoben sich die Bedeutungen gegenseitig auf oder ergaben eine völlig neue Geschichte
- wenn diese beiden Blumen zusammen abgebildet sind, bedeutet das übersetzt, dass es sich um ein Motiv der Versöhnung oder des Trostes nach einem Streit handelt
- wenn dieses Bild nicht an einen Partner, sondern an eine enge Freundin verschenkt wurde, bedeutete die gelbe Rose nicht Eifersucht, sondern kostbare Freundschaft
S
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| viktorianische Glanzbilder mit Schneeglöckchen |
Schneeglöckchen
- das Schneeglöckchen gehört zu den ersten Blumen, die sich im Übergang vom Winter zum Frühling durch den Schnee kämpfen
- in der viktorianischen Blumensprache stand das Schneeglöckchen deshalb für Hoffnung, den Neubeginn, Trost in schweren Zeiten und das Erwachen neuer Lebensfreude
- wenn diese beiden Blumen zusammen auf einem Glanzbild abgebildet sind, bedeutet das übersetzt, dass der Schenker auf ein Wiedersehen und auf eine gemeinsame Zukunft hofft
- diese Blumen Kombination war im 19. Jahrhundert extrem beliebt für Abschiede
- die Schneeglöckchen symbolisierten den Wunsch, dass das neue Jahr Hoffnung bringt, während die Vergiß-mein-nicht dafür sorgen sollten, dass man die alten Freundschaften nicht vergisst
Seerose
- die weiße Seerose ist ein ganz besonderes und begehrtes Motiv auf viktorianischen Glanzbildern und war ein Kompliment der reinsten Form, ohne jeden weltlichen oder gar anzüglichen Beigeschmack
- als Mitte des 19. Jahrhunderts die gigantische Victoria amazonica - das ist die Riesenseerose nach England gebracht wurde und im Gewächshaus der Royal Botanic Gardens in Kew das erste Mal blühte, war das eine Weltsensation
- die Königin der Seerosen wurde sogar nach Königin Victoria selbst benannt
Stiefmütterchen (Pansy)
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| viktorianisches Glanzbild mit Stiefmütterchen - Pansy |
- der englische Name der Stiefmütterchen leitet sich vom französischen pensée (Gedanke) ab
- Stiefmütterchen verschlüsseln die Botschaften: ich denke an dich oder du bist in meinen Gedanken
T
Tausendschönchen (Bellis)
- Nomen est Omen: das Tausendschönchen trägt seine Bedeutung schon im deutschen Namen
- der Empfängerin oder dem Empfänger sagte man mit dem Schenken eines Glanzbilds mit dem Tausendschönchen Motiv: „Ich finde dich unendlich schön.“
- weibliche und ältere Verwandte wie Tanten und Großmütter klebten die Gänseblümchen und Tausendschönchen Glanzbilder häufig in die Alben junger Mädchen um ihnen Tugendhaftigkeit, Fröhlichkeit und eine unbeschwerte Zukunft zu wünschen
Tulpe
- die Tulpe stand für Eleganz und Wohlstand, da die Zucht von besonderen Tulpenarten im bürgerlichen viktorianischen Garten ein echtes Statussymbol war
- ein Tulpen-Glanzbild im Album zeugte also immer auch von einem erlesenen Geschmack
gelbe Tulpe
- die Farbe Gelb stand im 19. Jahrhundert fast immer für Eifersucht, Missgunst oder eine unglückliche, unerwiderte Liebe
- gelbe Tulpen stehen für Neid
gelbe Tulpe in Kombination mit zwei Mädchenköpfen
- durch das Einfügen der beiden unschuldigen Mädchenköpfe der Blumenkinder wurde die negative Bedeutung der gelben Farbe komplett neutralisiert
- das Gelb der Tulpe wurde somit als das strahlende Sonnenlicht, Fröhlichkeit und das warme Licht der Freundschaft interpretiert
- dem Empfänger im Poesiealbum wurde damit gesagt: „Deine Freundschaft bringt Sonnenschein in mein Leben“ oder „Wir teilen eine unbeschwerte, fröhliche Jugend.“
V
Veilchen
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| viktorianische Glanzbilder mit Veilchen Motiven |
- das Veilchen steht für Bescheidenheit und für Treue
- blaue Veilchen auf Glanzbildern zeigten dem Empfänger, dass der Schenker im Stillen treu ergeben ist
Vergiß-mein-nicht
- Vergiß-mein-nicht symbolisieren wahre Liebe, unvergängliche Erinnerung und Treue
- die hübsche blaue Blume war das meistgenutzte Glanzbilder Blumen Motiv, wenn Freunde oder Verliebte bei Reisen oder Auswanderungen Abschied nehmen mussten
- den Vergiß-mein-nicht ist auch ein Feiertag gewidmet: am 10. November wird der Vergiß-mein-nicht Tag gefeiert
Perfektionierung des visuellen Codes: auf die Richtung und die Kombination der Glanzbilder kommt es an
Ja, wenn man jetzt denkt, das wäre schon alles gewesen um die geheimnivolle Blumensprache aus der viktorianischen Zeit - dann weit gefehlt.
Die Menschen in dieser Gesellschaft hatten die Floriographie noch weiter perfektioniert: es kam auch zusätzlich auf die Richtung an, in der die Glanzbilder mit den Blumenmotiven präsentiert und verschenkt wurden. Und auch die Kombination mit anderen Symbolen spielten eine große Rolle:
Glanzbild mit Blumenmotiv steht auf dem Kopf
- wurde ein Blumen-Glanzbild verkehrt herum in ein Buch oder Album gelegt oder eingeklebt, kehrte sich die Bedeutung ins Gegenteil um
- eine umgedrehte rote Rose bedeutete beispielsweise Ablehnung oder sogar Zorn
Glanzbild mit einem Blumenmotiv wurde in einem Winkel verklebt
- wenn das Blumenmotiv Glanzbild nach rechts geneigt war, bezog sich die Aussage auf den Empfänger und bedeutete, dass der Schenker den Empfänger als treu empfindet
- war das Blumenmotiv Glanzbild nach links geneigt, bezog es sich auf den Schenkenden und besagte, dass der Schenker treu ist
Blumenmotiv Glanzbild in Kombination mit einer Schleife
- viele Glanzbilder zeigten Blumensträuße, die mit einer Schleife gebunden waren
- war die Schleife rechts geknotet, galt die Botschaft dem Empfänger
- war die Schleife links geknotet, drückte sie die Gefühle des Absenders aus
So, nun wünsche ich euch ganz viel Spaß beim Dekodieren eurer viktorianischen Glanzbilder mit den Blumenmotiven - und, falls ihr Poesiealben oder alte Bücher sammelt: beim Entschlüsseln der Kleberichtung in den Alben und Büchern
eure Bastrota
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